Leseprobe „Das Kleid auf dem Klavier“ von Sabine Kuhn

Die Zeit verging und Cristina war mit ihrer räumlichen Bestandsaufnahme fertig. Teodoro war nicht wieder erschienen. Sie schaute sich in dem Kellergewölbe um und ging den Flur entlang. Die Beleuchtung ließ immer mehr und mehr nach. Das Kellergewölbe wurde zunehmend enger und Cristina wurde es unheimlich, aber sie ging weiter, einen dunklen Flur entlang. Plötzlich befand sie sich in einem dunklen Tunnel. Am Ende des Tunnels erreichte sie eine schmale Steintreppe. Vorsichtig ging sie die Stufen hinauf und fand sich in einer uralten Steinbaracke wieder. Sie schaute sich um und war umgeben von uralten Kupferbehältern. Sie befand sich in einer antiken Tequilafabrik. Kleine Fenster im Steingemäuer sorgten für etwas Tageslicht. Cristina war fasziniert, denn sie war umgeben von alter Gerätschaft, die vor Jahrhunderten der Herstellung von Tequila gedient haben musste. Sie hielt mit ihrem Mobiltelefon alles bildlich fest. Die Räumlichkeiten waren zum Teil sehr verwinkelt. Aber dieses alte Gemäuer hatte ihre Neugier geweckt. Sie ging durch mehrere Steinbögen und sah sich weiter um. Ein großer Steinbogen führte sie zu einem offenen Raum mit drei kleinen Steinbögen, hinter denen sich ein Bereich mit zwei maroden Holztüren befand.

Ihr größte Neugier weckten die Kupferbehälter, die tief in dem Steinboden eingelassen waren. Diese mussten vor Jahrzehnten der Lagerung von Tequila gedient haben. Die Öffnung der Behälter war wadenhoch. Seitlich angebrachte, runde Deckel dienten als Verschluss dieser Behälter. Cristina kniete sich vor einen Behälter und schob vorsichtig einen Deckel zur Seite. Der Deckel fiel scheppernd auf den Steinboden. Cristina zuckte zusammen. Sie beugte sich vor die Öffnung und schnupperte, aber es war kein Deut von Tequila mehr vernehmbar.  Als sie sich weiter vorbeugte, entdeckte sie einen weißen Inhalt. Sie griff mit ihrer Hand hinein und hielt eine kleine Tüte mit einer weißen Substanz in der Hand. Erschrocken stand sie auf und ging zu dem nächsten Kupferbehälter. Sie kniete sich auch vor diesen Behälter und sie öffnete diesen mit großer Vorsicht, indem sie mir ihrer anderen Hand dagegenhielt, um zu vermeiden, dass auch dieser Deckel zu Boden fiel. Behutsam legte sie den Deckel auf den Boden. Sie schaute in die Öffnung und entdeckte auch hier die kleinen Tüten mit dem weißen Inhalt. Sie nahm ihr Mobiltelefon aus der Tasche und machte einige Fotos. Ein Schauer lief Cristina den Rücken hinunter und sie legte die Tüten zurück in die Behälter. Ihr einziger Gedanke war es, schnellstmöglich diesen Ort zu verlassen.

Sie ging vorsichtig einen Schritt zurück und fuhr zusammen als sie mit jemandem zusammenstieß.  Eine Stimme ließ sie erschaudern und sagte: „Diesen Ort hätten Sie niemals betreten dürfen.“ Cristina war wie versteinert und sie versuchte das Zittern ihres Körpers zu kontrollieren.  Leopoldo sah sie verärgert an und sagte: „Was machen Sie hier?“ Cristina schwieg vor Angst. Leopoldo sah sie prüfend an: „Das wird dem Boss nicht gefallen.“ Cristinas Augen füllten sich mit Tränen und sie fuhr fort: „Mir ist diese Drogenwelt völlig fremd, ich kenne sie nur aus Filmen und aus den Nachrichten. Aber glauben Sie mir, ich werde bestimmt schweigen können, allein um meinen Sohn zu schützen. Ich flehe Sie an, lassen Sie uns dieses Ereignis vergessen.“ Leopoldos Gesichtszüge wurden sanfter und er sagte: „Also gut, aber wir müssen uns beeilen. Lassen Sie uns schnellstens hier wegkommen.“ Leopoldo und Cristina verließen die Baracke.

Leopoldo nahm Cristina an die Hand. Auf dem Weg zur Steintreppe hörten sie plötzlich ein Geräusch.  Cristina hielt inne und Leopoldo sagte: „Kommen Sie, wir dürfen keine Zeit verlieren.“ „Warum haben Sie es denn so eilig? Aldo ist doch in Mexiko-Stadt.“, entgegnete Cristina. „Er hat seinen Termin abgesagt und ist vor einer knappen Stunde zurückgekommen.“, klärte Leopoldo sie auf. Cristinas Herz raste.  Auf dem Weg zur Treppe sagte sie: „Haben Sie das nicht gehört? Es war ein Klopfen.“ Leopoldo wurde ungeduldig: „Ich habe nichts gehört.“ Cristina gab ihm die Hand und als sie die Treppe hinunter gingen, erklang das Geräusch erneut. Cristina blieb stehen. Leopoldo fuhr sie an: „Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder sie kommen jetzt mit oder der Boss erfährt von Ihrem Fund.“ Cristina durchfuhr es bei dem Gedanken und sie ging mit Leopoldo in schnellen Schritten die Steintreppe hinunter.  Cristinas Herz schlug ihr bis zum Hals.  Sie bogen in den Tunnel ein, gleich hatten sie es geschafft. Plötzlich stand eine Gestalt vor ihnen. Es war Aldo.